11. Juni 2013 | Fabian Sander Fabian Sander
Warum wir Apples neues „Flat Design“ gut finden

Nach über einem Jahrzehnt vorgespielter Räumlichkeit und Materialität halten uns die grossen Tech-Firmen nun für reif, am flachen Bildschirm endlich auch flache, grafische Interfaces zu bedienen.

Vertauschten Rollen: Für einmal bestätigt Apple mit der gestrigen Präsentation von iOS 7 im neuen Flat Design (siehe auch die offizielle Medienmitteilung oder Kommentare auf TNW oder TechCrunch), was Microsoft mit Windows 8 und die jüngsten flachen Android-Interfaces bereits angekündigt hatten: Der Durchschnittsnutzer hat genug Erfahrungen im digitalen Alltag gesammelt und darf die Stützräder abmontieren. John Ive und Konsorten sind zum Schluss gekommen, dass wir endlich fähig sind digitale Adressbücher zu benutzen die kein Blättern im ledernen Büchlein imitieren. Dass wir Schaltflächen bedienen können, die nicht plastischer sind als die sie darstellenden Mikrometer-kleinen LCD-Pixel. Wir finden das gut, und zwar aus zwei Gründen:

Es geht uns nicht um persönlichen Geschmack, sondern um Klarheit. Und um Ehrlichkeit.

Unser digitaler Alltag ist in den letzten Jahren einiges komplexer geworden. Zuvor konnten wir uns im Schongang an E-Mail, PDF und das Buchungssystem fürs Sitzungszimmer gewöhnen. Dann mussten wir uns plötzlich und relativ schnell mit diversen sozialen Medien, Touchscreens, mobiler Webnutzung und Augmented Reality zurechtfinden. Das ist natürlich alles ganz toll, aber es ist auch anstrengend. Die Tragweite der Änderungen und das hohe Tempo fordern ihren Tribut. Wir sehnen uns wieder nach mehr Einfachheit und Klarheit. Da stillt die Entwicklung hin zum einfacheren, reduzierten, flachen Design ein grosses Bedürfnis. Und es fordert uns Designer in unserer Kernkompetenz: Anstatt die Realität einfach zu imitieren, müssen wir sie wieder übersetzen, d.h. in eine konzentrierte, reinere Form bringen und damit für den Benutzer relevanter machen.

In einer Welt, in der wir zunehmend von Imitationen und Scheinkulissen umgeben sind, müssen wir Designer den Menschen ehrlichere Erfahrungen ermöglichen. Das heisst den wahren Charakter eines Gegenstands freizulegen, anstatt ihn zu kaschieren. Im Interface-Design wie auch in allen anderen Design-Disziplinen: Grafik-Design, Sound-Design, Industrie-Design, Architektur und User Experience Design. Und ebenso in der Sprache. Und schon befinden wir uns im Branding, derjenigen Disziplin, die die vorgenannten alle vereint. Wir sind der Überzeugung, dass sich Ehrlichkeit auf lange Sicht auszahlt. Ehrliches Verhalten verleiht einer Marke auf Dauer hohe Glaubwürdigkeit. Design kann dabei eine grosse Rolle spielen. Machen Sie es sich zunutze.

Wenn Sie mehr Hintergrundinfo und eine Apple-spezifische Analyse zum iOS-Redesign suchen, lesen Sie Cliff Kuangs ausgezeichneten Artikel auf wired.com über die battle behind the new flat design of iOS 7.